Was ist eigentlich Brafus2014?

Brafus2014_Birte, Christian, Kai_klein

Foto: Kai Schächtele, Birte Fuchs, Christian Frey (v.l.), © Schächtele 

Schon einmal Brafus2014 gehört? Nein? Könnte wohl etwas mit Brasilien und Fußball und 2014 zu tun haben. Kombiniere: Es geht um die WM im Land der großen Kontraste. Fehlen noch Infos. Was tut der schlaue Mensch von heute in diesem Fall? Richtig: Er googelt und landet auf http://www.brafus2014.com/. Dort steht: „Was macht die WM mit Brasilien? Und was macht Brasilien mit der WM? Bis zum Finale am 13. Juli erzählen wir die Geschichten hinter der Fassade.“

Immer noch nicht genug Infos. Was tut der junge Medienstudent und angehende Journalist in diesem Fall? Richtig: Er sucht den Kontakt zum „wir“ und stellt Fragen. Hinter dem „wir“ stecken übrigens Christian Frey, Birte Fuchs und Kai Schächtele. Mit Letzterem haben wir ein Interview geführt und ihn für euch gefragt, was genau sich hinter dem Blog Brafus2014 versteckt und wie es zurzeit in Brasilien so aussieht.

Herr Schächtele, mit welcher Motivation begleiten Sie mit Ihrem Blog die WM und wo sind Sie überall unterwegs? 

Warum wir mit Brafus2014 über die WM berichten? Weil es für uns als Geschichtenerzähler, als die wir uns begreifen, keine schönere Aufgabe gibt, als jeden Tag auf fremde Menschen zuzugehen und sie zu fragen: Wer bist du? Warum stehst, sitzt oder gehst du hier? Und erzählst du uns deine Geschichte?  Wir sind vor knapp einer Woche in São Paulo angekommen und werden bis eine Woche nach dem Finale durch Brasilien reisen. Wie weit bzw. wohin es uns bis dahin treibt, hängt von mehreren Faktoren ab. Zum einen davon, wer uns in den kommenden Wochen auf unseren Stationen begegnen wird, zum anderen, wie weit unser Budget uns tragen kann. Wir finanzieren unsere Reise weitgehend mit dem Geld, das von den Lesern von Brafus2014 kommt, denen unsere Arbeit gefällt. Wir können es uns also kaum leisten, jeden Tag im Hotel oder in einem Hostel zu übernachten. Stattdessen schlafen wir wie im Moment in einer Studenten-WG im Zentrum, bei Freunden, bei Menschen, die wir unterwegs treffen, oder bei denen, zu denen wir weitergeschickt werden. Vor Kurzem zum Beispiel haben wir Ivete und Reinaldo kennengelernt, die uns einen Abend lang von ihrem Leben in der Peripherie São Paulos erzählt haben (Lest mehr auf Brafus2014 Tag 5). Sie stammen aus Minas Gerais und am Ende sagte Reinaldo: Wenn ihr wollt, fahrt doch auch zu meinem Vater. Ich bin sicher, dass ihr bei ihm übernachten könnt. So entlasten wir einerseits das Budget, andererseits aber – und das ist noch viel wichtiger – kommen wir so ins Gespräch mit Brasilien, weil wir gewissermaßen bei ihm auf dem Sofa sitzen. 

Wie ist die Stimmung in Brasilien?
Im Moment, kurz vor Anpfiff, herrscht hier eine eigenartige Atmosphäre. Es gibt natürlich jede Menge Geschäfte und Verkaufsstände auf der Straße, die gelb-grün-blaue Trikots, Perücken und Sonnenbrillen ins Sortiment aufgenommen haben. Ein bisschen wirkt es so, als stünde keine Fußball-WM an, sondern die Faschingssaison. Nur: Kaum ein Brasilianer möchte sich im Moment verkleiden. Natália, an deren Lagerfeuer wir vor einigen Tagen saßen
(Lest mehr auf Brafus Tag 2), sagte uns, es gibt viel Unmut über diese WM. Und ich habe das Gefühl, dass die, die sich trotzdem auf die WM freuen, sich nicht trauen, ihre Freude zu zeigen. Aber alle sagen: Wenn das erste Spiel angepfiffen ist, wird eine neue Situation entstehen. Wir sind selbst sehr gespannt, was dann passieren wird. Das einzige, was wir bislang wahrgenommen haben, waren die surrealen Fotos aus dem deutschen Mannschaftslager mit den Tänzen der Indigenen mit Miroslav Klose.

Merkt man viel von der Armut im Land und der Unzufriedenheit der Menschen?
Natürlich, die Armut merkt man an jeder Ecke, und sie ist viel offensichtlicher als zum Beispiel in Deutschland. Im Zentrum schlafen die Menschen in Kisten und auf Matratzen und das nicht nur unter Brücken oder in Parks, sondern auch auf großen, zentralen Plätzen. Gestern zum Beispiel habe ich einen Mann gesehen, der sich in einer Kiste, in die einmal ein Flatscreen-Fernseher eingepackt war, sein Bett eingerichtet hat. Und in den Favelas leben die Menschen auf engstem Raum. Die Gassen sind so schmal, dass man mit ausgestreckten Armen die Wände aus rohen Ziegeln links und rechts berühren kann. Alle zwei Meter erwischt einen ein anderes Duftuniversum. Abwasser aus der Waschmaschine, das zwischen den Beinen den Hügel hinunter rinnt, ein Parfum frei von aller Subtilität, gebratenes Rind. Und aus jedem zweiten Haus wummert Funk Brasileiro durch die zugezogenen Vorhänge, die eine Privatheit simulieren, die es in dieser Enge nicht gibt. Sehr viele Menschen sind jetzt unzufrieden, weil sie nicht verstehen können, wie ihre Regierung auf der einen Seite acht Milliarden Euro für dieses Turnier ausgibt, aber nicht genug Geld da ist, um Verbandsmaterial in den Krankenhäusern und eine vernünftige Schulbildung zu finanzieren. Menschen wie Francisca (Lest mehr auf Brafus2014 Tag 1) sagen: Das Problem ist nicht, das Brasilien zu wenig Geld hat. Das Problem ist, dass Brasilien das Geld nicht richtig ausgibt.

Finden eigentlich tatsächlich so viele Proteste statt, wie es die Medien in Deutschland vermitteln?
Ja. Sehr viele Interessengruppen nutzen die Bühne der WM, weil sie wissen, dass sie damit großen Druck auf die Regierung ausüben können. Auch vorher gab es schon Proteste, zum Beispiel der Lehrer. Aber auf die hat die Regierung geantwortet: Jaja, ist gut, aber jetzt geht zurück zur Arbeit. Jetzt, da die Weltöffentlichkeit auf Brasilien blickt, kann sie sich eine solche Haltung nicht mehr leisten.

Wie schätzen Sie die Lage ein, wird das alles noch schlimmer oder wird es sich beruhigen?
Ich kann im Moment nicht einschätzen, was nach dem Anpfiff der WM passieren wird. Viele sagen uns, dass das wesentlich von der Leistung der Seleção abhängt. Wenn es die brasilianische Mannschaft bis mindestens ins Halbfinale schafft und damit bis zum Schluss im Turnier bleibt, wird es eine andere WM geben, als wenn sie schon vorher ausscheidet. Andererseits befürchten einige, dass ein erfolgreiches Abschneiden das eigentliche Desaster wäre: Denn dann werden die Brasilianer so glücklich sein, dass sie sich davon auch bei den im Herbst anstehenden Präsidentschaftswahlen leiten lassen werden.

Was haben Sie bis jetzt Positives und Negatives erlebt, seit Sie in Brasilien sind?
Auf der einen Seite eine große Herzlichkeit und Wärme. Man sagte uns, dass der einzige Weg, um zur Seele Brasiliens vorzudringen, der sei: Sich treiben lassen, nicht allzu viel planen und sich überraschen lassen, wer als Nächstes um die Ecke biegt. So trifft man Menschen, die man nicht suchen, sondern nur finden kann. Und das ist uns schon passiert wie im Fall von Ivete und Reinaldo. Auf der anderen Seite sind die sehr offensichtlichen Unterschiede zwischen sehr reichen und sehr armen Menschen wirklich bedrückend. Unten auf der Straße liegt den ganzen Tag über eine alte Frau auf einer Matratze mit einem blutunterlaufenen Gesicht und dem Geruch jahrelanger Obdachlosigkeit. Und oben fliegen die Helikopter, die die Wohlhabenden von ihren Büros in ihre Luxus-Apartments bringen.

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